In St.Petersburg hat die wahrscheinlich drastischste Unterstützungsaktion für die Punkband Pussy Riot stattgefunden: der junge Künstler Petr Pavlenskij hat sich aus Unterstützung für Pussy Riot den Mund zugenäht und eineinhalb Stunden vor der Kazaner Kirche gestanden. Die Polizei traute sich nicht ihn anzufassen – der Protestler wurde von einem Krankenwagen weggefahren.

Genau um 15:00 Uhr kam ein dünner Mann in schwarzem Pullover schweigend zur Kazaner Kirche, stand schweigend und hob ebenso schweigend ein Plakat hoch. Schaulustige kamen näher und sahen, dass der Mund des jungen Mannes zugenäht war. Die Aufschrift auf dem Plakat sprach auch so Bände:

DER AUFTRITT VON PUSSY RIOT IST EINE ABWANDLUNG DER BERÜHMTEN AKTION JESU CHRISTI (Matthäus 21, 12-13)

Nicht jeder kennt das Matthäus-Evangelium auswendig, deswegen zietieren wir die angeführte Stelle vollständig:

„12 Und Jesus ging zum Tempel Gottes hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer

13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: "Mein Haus soll ein Bethaus heißen"; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.“

Die berühmte Vertreibung der Händler aus dem Tempel. So wies der Künstler eindeutig auf die Ähnlichkeit zwischen dem Punkgebet und den Handlungen Jesu Christi hin, die übrigens auch der Gesetzgebung in Palästina widersprachen.

„Mit dieser Aktion ruft Petr Pavlenskij die Gläubige auf, Kraft zu schöpfen und anzuerkennen, dass die christliche Kultur nicht von den Handlungen Jesu Christi zu trennen ist, und die Künstler dazu, ihre Angst zu überwinden und wenigstens einmal ehrlich und offen ihre Meinung zu sagen,“ erklärte Julia, die Gehilfin des Künstlers.

„Moj Rayon“ hat Pavlenskij selbst um eine Erklärung gebeten; da es nicht einfach ist mit zugenähtem Mund einen Kommentar abzugeben, hat der Künstler seine Aktion schriftlich erläutert.

„Die russisch-orthodoxe Kirche verehrt schon lange nicht mehr das unschuldige Opfer, das für unsere Sünden gestorben ist, sondern das Mittel der Folter, das Mittel des Zwanges. Doe Kirche ist im Tandem mit der Macht bestrebt alle Bereiche des menschlichen Lebens unter Kontrolle zu bekommen, um sich ungestraft die Früchte seiner Arbeit anzueignen. In der christlichen Kultur ist die Kreuzigung nicht nur ein religiöses und sittliches, sondern auch ein künstlerisches Symbol – ein Symbol höchster geistiger Schönheit, Askese und Unabhängigkeit von der Meinung der Masse. Sind die Frauen der Band Pussy Riot nicht in diesem Sinne Nachfolgerinnen Christi? Die Unduldsamkeit der Lüge gegenüber, das Bestreben die Wahrheit zu sagen und die fehlende Angst vor Strafe rückt diese „Rowdies“ näher zu Christus als die anständigen „Rechtgläubigen“. Indem sie in der Kirche tanzten sind die Frauen gegen die kirchliche und staatliche Lüge aufgestanden, haben mit ihrem ehrlichen Tanz den einstmals sakralen Ort gereinigt, so wie vor 2000 Jahren Christus die Händler aus dem Tempel geworfen hat.“

 

 

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